Warum kompliziert einfach ist und komplex komplizierter

Aktualisiert: März 21

Kompliziert + Komplex


Wer kennt den Unterschied zwischen komplex und kompliziert?

Für diejenigen, die darauf spontan antworten "ist doch das Gleiche!" folgt nun eine kleine und hoffentlich alltagspraktische Abhandlung zur Frage, warum komplizierte Dinge vergleichsweise einfach zu lösen sind, warum wir uns mit Komplexität so schwer tun, was das mit Kopfweh zu tun hat - und warum Komplexitätskompetenz trotzdem (oder gerade deshalb) zu den wichtigsten Dingen im 21. Jahrhundert gehört.


Zunächst einmal: komplex und kompliziert klingen zwar ähnlich, sind aber zwei völlig verschiedene Sachen. Etwas Kompliziertes kann man aufdröseln, so wie bei einem Zauberwürfel. Man muss nur dranbleiben, Schritt für Schritt vorgehen, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mit viel Übung kommt man zum Ziel. Das liegt daran, dass ein kompliziertes System zwar durchaus aus vielen verschiedenen Komponenten bestehen kann, aber alle Komponenten sind aufeinander bezogen und funktionieren gemeinsam. So wie Uhren, Computer, Automotoren oder Waschmaschinen: egal wie viele Teile diese Maschinen haben - wenn man weiß wie sie funktionieren, kann man sie zerlegen und wieder zusammenbauen.

Mit anderen Worten: Kompliziertes lässt sich lernen. Man beginnt und arbeitet sich langsam voran. Erst ganz einfach, dann langsam schwieriger, bis zum Aufstieg in die Expertenliga. Da ist man dann Ingenieur, Ärztin, Astronautin oder Dolmetscher und beherrscht die gewählte Disziplin sicher und souverän. Für alles andere sind andere zuständig, die ihrerseits Experten in einer anderen Materie sind.

Kompliziert ist einfach - wenn man die Regeln beherrscht!


Mit Komplexität ist es anders. Da kommt vieles zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört aber irgendwie doch zusammenwirkt. Komplexität ist deshalb auch schwieriger zu erklären. Ein gutes Beispiel ist "Globale Kompetenz", ein Begriff, über den ich vor einigen Wochen gestolpert bin.

Was bitteschön ist "globale Kompetenz"? Laut der OECD Bildungsforscher aus der jüngsten Pisa-Studie ist damit die Fähigkeit gemeint, Themen und Sachverhalte in übergreifenden Zusammenhängen zu vermitteln und zu begreifen. Also genau das Gegenteil dessen, was im normalen Schulunterricht stattfindet, wo Wissen in den Grenzen der jeweiligen Fachdisziplin vermittelt wird. Im Unterricht werden junge Menschen in mehr oder weniger komplizierten Fächern mit jeweils eigenen Regeln und definierten Lerninhalten, auf ihr späteres Expertentum vorbereitet. Die Erarbeitung des Stoffes mag langwierig und kompliziert sein, aber wer den Stoff beherrscht, kann mit guten Zensuren rechnen. Immerhin gibt es Lehrpläne und Bewertungsraster zur Beurteilung. Kurz gesagt: das traditionelle Schulsystem (ein Produkt des 19. Jahrhunderts!) favorisiert das Komplizierte.

Bei "Globaler Kompetenz" geht es demgegenüber um Fähigkeiten, mit denen quer zu den gängigen Disziplinen Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede zwischen ganz unterschiedlichen Feldern erschlossen und in Beziehung zueinander gesetzt werden. Globale Kompetenz ist Komplexitätskompetenz. Sie umfasst ein ganzheitliches Verständnis und übergreifendes Knowhow, das Interkulturalität ebenso einschließt wie politisches und soziales, ökonomisches und ökologisches Wissen. Selbstverständlich stellt Fachwissen hierbei eine notwenige Grundlage dar, aber eben auch nicht mehr. Die eigentliche Kompetenz besteht darin, in Zusammenhängen und Wechselwirkungen denken und das zu begreifen, was frei nach Faust "die Welt im Innersten zusammenhält".

Klingt pathetisch? Durchaus. Aber genau das sollte Bildung doch eigentlich leisten, zumal in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts: über Fachinhalte - sprich: das Komplizierte - hinausgehend den Blick auf Zusammenhänge zu lenken, Ähnlichkeiten im Verschiedenen zu erkennen und Differenzen im vermeintlich Gleichen. Die Gegenwart braucht weniger Experten und Tunnelblickliebhaber als vielmehr Menschen, die ganzheitlich denken und handeln können und denen es gelingt, eine Aufgabenstellung, ein Problem, eine Idee aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und im Vergleich Muster zu erkennen, nach denen die Sachverhalte sortiert und bewertet werden können.


"Komplexität kann man nicht managen, man muss sie gestalten" hat Peter Drucker, ein großer Vordenker des systemischen Managements einmal gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Komplexität lässt sich mit drei zentralen Kriterien beschreiben:

1. Vernetzt

Komplexität entsteht, wenn verschiedene Einflussfaktoren auf ein System einwirken. Anders als bei linearen Prozessen, bei denen Ursache und Wirkung geradlinig miteinander verknüpft sind, entwickeln sich komplexe Systeme netzwerkartig in rekursiven Schleifen. Deshalb kann man Komplexität auch nicht "auf den Grund" gehen. Komplexe Systeme weisen eine Eigendynamik auf, die unumkehrbar ist.

Covid-19 ist vielleicht das aktuell beste, unmittelbar anschauliche Beispiel für diese Netzwerkeffekte: ein hochaggressiver Virus, der sich in Windeseile über alle geopolitischen Markierungen hinweg ausbreitet und dabei nicht nur Medizin und Gesundheitsversorgung an ihre Grenzen bringt, sondern so ziemlich alles infrage stellt, was bis dato als sicher galt: gesellschaftlicher Austausch und soziale Interaktion, wirtschaftliche Stabilität, politische Handlungsfähigkeit, Arbeitsroutinen, Reisen, ein sicherer Arbeitsplatz, urbane Kulturen. Nichts bleibt verschont. Komplexität kümmert sich nicht um Grenzen.

2. Nicht-Hierarchisch

Komplexe Systeme bestehen aus vielen unabhängigen Komponenten, wobei jede Komponente ihren eigenen Regeln und einer spezifischen Logik folgt. Das heißt es gibt keine hierarchische Organisationsstruktur und dementsprechend auch keinen "roten Faden" dem sich alle Komponenten unterordnen. Vielmehr bringt jede der Kompon